Maßnahmen zum Erhalt der Kontinenz

Harn- und Stuhlinkontinenz können den Alltag von Bewohnerinnen und Bewohnern erheblich beeinträchtigen und ihre Lebensqualität deutlich mindern. Pflegebedürftige Menschen sollten deshalb dabei bestmöglich unterstützt werden, ihre Kontinenz so lange wie möglich zu erhalten. Hier haben wir für Sie die effektivsten Maßnahmen für den Pflegealltag nach dem aktuellen Expertenstandard zusammengestellt.

Eine Familie geht am Strand spazieren Eine Familie geht am Strand spazieren

Für den Erhalt der Harnkontinenz zählt der Expertenstandard „Kontinenzförderung in der Pflege“ zahlreiche Maßnahmen auf, zu denen es zwar teilweise nur wenige gesicherte Studien, dafür aber zahlreiche positive Praxiserfahrungen gibt. Diese kontinenzfördernden Ansätze bilden einen wesentlichen Baustein in der Betreuung pflegebedürftiger Personen.

Bei der Auswahl geeigneter Maßnahmen zur Förderung der Kontinenz müssen immer die individuellen Bedürfnisse der Bewohnerinnen und Bewohner berücksichtigt werden. Die nachfolgend beschriebenen Ansätze dürfen daher nicht isoliert betrachtet werden, sondern sollten immer auf die jeweilige Situation abgestimmt und miteinander kombiniert werden.

1. Anpassung der Flüssigkeitszufuhr

In manchen Fällen kann es sinnvoll sein, die Flüssigkeitszufuhr und Ernährung anzupassen. Ob und in welchem Umfang dies notwendig ist, hängt von den individuellen Gegebenheiten ab. Es empfiehlt sich, Art und Menge der täglichen Flüssigkeitsaufnahme mithilfe eines Miktionstagebuchs zu dokumentieren. Sowohl die gezielte Auswahl der Getränke als auch eine moderat reduzierte Trinkmenge (bis zu etwa 25 %) können zur Kontinenz beitragen. Die empfohlene Flüssigkeitszufuhr orientiert sich immer an den persönlichen Bedürfnissen, liegt jedoch in der Regel zwischen 1,5 und 2 Litern pro Tag. Eine ausreichende Trinkmenge unterstützt zudem eine reguläre Stuhlkonsistenz und kann damit auch Beschwerden bei Stuhlinkontinenz positiv beeinflussen.

2. Empfehlungen zur Koffeinzufuhr

Eine Verringerung des Koffeinkonsums kann die Symptome einer Harninkontinenz lindern, beeinflusst jedoch weder die Häufigkeit des Wasserlassens noch den Harndrang. Besonders Bewohnerinnen und Bewohner mit überaktiver Blase sollten bei einem Konsum von etwa zwei Tassen Kaffee pro Tag zu einer Reduktion ermutigt werden.

3. Anpassung der Ernährung

Bestimmte Nahrungsmittel und Ernährungsgewohnheiten können die Darmaktivität beeinflussen. Daher empfiehlt sich eine Ernährung, die eine optimale Stuhlkonsistenz sowie eine planbare Darmentleerung unterstützt. Ein Ernährungstagebuch kann helfen, den Ausgangszustand zu erfassen. Bei Veränderungen der Ernährung sollte jeweils nur ein Lebensmittel angepasst werden, um mögliche Auslöser gezielt identifizieren zu können. Eine ballaststoffreiche Kost kann die Stuhlkonsistenz verbessern und so zur Vorbeugung von Stuhlinkontinenz beitragen. Die Ballaststoffzufuhr sollte jedoch immer auf die individuelle Situation der Bewohnerinnen und Bewohner abgestimmt werden, da bestimmte Ballaststoffe in Verbindung mit manchen Medikamenten das Risiko für Verstopfungen erhöhen können.

4. Darmmanagement

Häufige Verstopfungen können sich ungünstig auf Harn- und Stuhlinkontinenz auswirken. Daher sind Maßnahmen sinnvoll, die einer Obstipation vorbeugen. Dazu zählen insbesondere eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr, eine ballaststoffreiche Ernährung sowie die Förderung von Bewegung.

5. Gewichtsabnahme

Bewohnerinnen und Bewohner mit starkem Übergewicht oder Adipositas sollten dazu ermutigt werden, ihr Körpergewicht zu verringern, da überschüssige Kilos zusätzlichen Druck auf Blase und Beckenboden ausüben. Wichtig ist dabei, das erreichte Gewicht möglichst dauerhaft zu stabilisieren.

6. Erhalt der Selbstständigkeit beim Toilettenbesuch

Um die Selbstständigkeit beim Toilettenbesuch bestmöglich zu erhalten, ist eine kontinenzfreundliche Gestaltung der Umgebung empfehlenswert. Dazu gehört unter anderem, die Wahl der Kleidung in Absprache mit den Bewohnerinnen und Bewohnern anzupassen. Praktisch ist Kleidung, die auf der Toilette schnell und unkompliziert geöffnet werden kann, beispielsweise Hosen mit Gummizug oder Klettverschlüssen. Weniger geeignet sind Hosen mit vielen Knöpfen oder schwer zu öffnende Gürtel. Außerdem sollten Stolperfallen auf dem Weg zur Toilette beseitigt und die Beleuchtung verbessert werden. Bei Bedarf können verordnungsfähige Hilfsmittel zum Einsatz kommen, wie zum Beispiel Toilettensitzerhöhungen, Haltegriffe, Toilettenstühle oder Gehhilfen.

7. Raucherentwöhnung

Rauchen verursacht zwar keine Inkontinenz, kann jedoch den Harntrakt reizen und zu häufigem Wasserlassen führen. Zudem belastet der typische Raucherhusten den Beckenboden und kann ihn langfristig schwächen. Deshalb sollte der mögliche Zusammenhang zwischen Rauchen und Inkontinenz mit den Bewohnerinnen und Bewohnern thematisiert und gegebenenfalls eine Raucherentwöhnung besprochen sowie unterstützt werden.

8. Körperliches Training

Moderate körperliche Aktivität kann das Risiko für das Auftreten einer Harninkontinenz verringern. Dazu zählen zum Beispiel Spaziergänge, Radfahren, Schwimmen, Wassergymnastik oder Yoga. Das Training sollte individuell an Alter, körperliche Fähigkeiten und den Gesundheitszustand angepasst werden. Bei Stuhlinkontinenz ist die Wirkung eines körperlichen Trainings bisher noch nicht ausreichend untersucht. Es wird empfohlen, das Training in Kombination mit weiteren Maßnahmen durchzuführen, um Verstopfungen vorzubeugen.

9. Behandlung von Grund- oder Begleiterkrankungen

Eine angemessene Behandlung von Grund- oder Begleiterkrankungen kann einer Inkontinenz vorbeugen oder vorhandene Symptome lindern. Dazu zählen unter anderem Diabetes Mellitus, chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD), Depressionen und neurologische Erkrankungen.

10. Beckenbodentraining

Mit Beckenbodentraining lässt sich einerseits Inkontinenz vorbeugen, andererseits können bereits vorhandene Symptome gelindert werden. Durch gezielte Übungen werden die Beckenbodenmuskeln gestärkt, was die Kontrolle über Blase und Darm unterstützt. Regelmäßiges Training kann somit dazu beitragen, das Risiko für Harn- und Stuhlinkontinenz zu verringern und die körperliche Stabilität im Beckenbereich langfristig zu erhalten. Der Nutzen von Beckenbodentraining ist vor allem bei Frauen nachgewiesen. Für Männer gibt es bislang nur wenige Hinweise auf eine Wirksamkeit.

Das Training sollte von Physiotherapeut*innen oder entsprechend geschultem Fachpersonal begleitet werden. Ob die Übungen bei einzelnen Bewohnerinnen und Bewohnern durchgeführt werden können, muss individuell entschieden werden, da sie für ältere Menschen oder Personen mit körperlichen oder kognitiven Einschränkungen möglicherweise ungeeignet sind. Hier haben wir für Sie spezielle Beckenbodenübungen zur Kontinenzförderung in der Pflege zusammengestellt.

Unterstützende Technik beim Beckenbodentraining

  • Biofeedback: Die Biofeedback-Methode eignet sich vor allem für mobile Bewohnerinnen und Bewohner ohne kognitive Einschränkungen. Dabei trainieren sie ihre Beckenbodenmuskulatur eigenständig. Spezielle Geräte mit Sensoren zeigen über einen Bildschirm oder eine App in Echtzeit, ob die Muskeln korrekt angespannt werden. Ziel der Methode ist es, die Kontrolle über die Beckenbodenmuskulatur zu verbessern.
  • Elektrostimulation: Die Elektrostimulation wird vor allem bei weniger mobilen oder kognitiv eingeschränkten Personen eingesetzt. Dabei übernimmt ein Gerät das Training der Beckenbodenmuskulatur: Es sendet kleine elektrische Impulse, die die Muskeln stimulieren. Die Bewohnerinnen und Bewohner müssen dabei nichts aktiv tun, da die Muskeln durch die Impulse automatisch arbeiten.
  • Vaginalkonen: Vaginalkonen sind ein einfaches Hilfsmittel zur Stärkung der Beckenbodenmuskulatur. Die Konen sind kleine, meist aus Kunststoff oder Metall gefertigte Gewichte, die in die Vagina eingeführt werden. Ziel ist es, die Beckenbodenmuskulatur aktiv anzuspannen, um die Konen zu halten und ein Herausfallen zu verhindern. Durch regelmäßiges Training mit den Konen wird die Muskelkraft gezielt verbessert, was die Kontrolle über Blase und Beckenboden unterstützt und das Risiko für Harninkontinenz verringern kann.
  • Magnetfeldstimulation: Die Magnetfeldstimulation ist eine nicht-invasive Methode zur Behandlung von Harninkontinenz. Dabei wird ein elektromagnetisches Feld genutzt, um die Beckenbodenmuskulatur gezielt zu aktivieren. Die Muskeln ziehen sich durch die Impulse zusammen, ohne dass die betroffene Person aktiv etwas tun muss. Diese Methode eignet sich insbesondere für Bewohnerinnen und Bewohner, die körperlich eingeschränkt oder in der Durchführung aktiver Beckenbodenübungen unsicher sind. Auch bei Pflegebedürftigen mit kognitiven Einschränkungen kann sie eine gute Alternative darstellen. Bislang fehlen jedoch belastbare wissenschaftliche Belege für die Wirksamkeit der Magnetfeldstimulation.
  • Vibrationstraining: Vibrationstraining ist eine Methode, bei der sanfte mechanische Schwingungen genutzt werden, um die Beckenbodenmuskulatur zu aktivieren. Die Vibrationen regen die Muskeln an, sich zusammenzuziehen, und können so die Muskelkraft und die Kontrolle über Blase und Beckenboden verbessern. Das Training erfolgt häufig auf speziellen Geräten, wie Vibrationsplatten oder Sitzvorrichtungen, die die Impulse direkt auf den Beckenboden übertragen. Es ist besonders für Personen geeignet, die Schwierigkeiten haben, aktive Beckenbodenübungen selbstständig durchzuführen. Bislang gibt es jedoch nur begrenzte wissenschaftliche Belege für die Wirksamkeit des Vibrationstrainings bei Harn- oder Stuhlinkontinenz. 

11. Blasentraining

Blasentraining kann dazu beitragen, die Kontinenz zu fördern und Harninkontinenz vorzubeugen. Durch gezieltes Training lernt die Blase, sich stärker zu dehnen und mehr Harn zu speichern. Ziel des Blasentrainings – oft auch als Toilettentraining bezeichnet – ist es, die Abstände zwischen den einzelnen Harnentleerungen zu verlängern. Ein Toilettenplan mit einem regelmäßigen Rhythmus kann dabei unterstützend wirken. Blasentraining eignet sich besonders für Bewohnerinnen und Bewohner, die kognitiv fit, motiviert und lernfähig sind.

12. Darmentleerungstraining

Darmentleerungstraining kann helfen, Stuhlinkontinenz vorzubeugen oder bestehende Beschwerden zu lindern. Ziel ist es, einen regelmäßigen Rhythmus für die Darmentleerung aufzubauen und die Kontrolle über den Stuhlgang zu verbessern. Dazu zählen unter anderem das gezielte Anregen der Darmentleerung nach einer Mahlzeit, das Schaffen von Privatsphäre und Komfort, ausreichend Zeit für den Toilettengang, das Einnehmen einer sitzenden oder hockenden Position sowie das Erlernen von Techniken, die den Stuhlgang erleichtern. Darmentleerungstraining ist besonders für Bewohnerinnen und Bewohner geeignet, die in der Lage sind, Signale ihres Körpers wahrzunehmen und Anweisungen aktiv umzusetzen.